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Ich erinnere mich an meine Kindheit – Bußtag war immer
Stollenbacktag. Es roch im ganzen Haus nach Mandeln und Rosinen – der
Geruchssinn erfasste, begriff, verinnerlichte uns:
Weihnacht ist bald.
Stundenlang wurden Unmassen von Teig geknetet. Mutter wechselte
sich mit Tante Lina ab. Die Tür musste zubleiben, damit der Teig keine Zugluft
bekam. Vor Teigdiebstahl wurde gewarnt: „da kriegt ihr Maden im Bauch!“
Geholfen hat es wenig. Viel mehr Respekt als vor den Maden, hatten wir vor Tante
Linas Holzlöffel, der schnell mal auf die Diebeshände niedersauste.
Dann mussten die geformten Stollen auf Kuchenbrettern zum Bäcker
gebracht werden. Mit Stollenzeichen versehen – kleine Metallstreifen mit den
Initialen steckten in jedem Stollen. Ja keine Verwechslungen! Jeder glaubte,
dass er die besten Zutaten, das beste Rezept hatte. Und das war natürlich
geheim und wurde nur vererbt.
Ich habe meiner Mutter Stollenrezept und will es hier
veröffentlichen – denn es ist unzweifelhaft das Beste.
Das Rezept ist in heute übliche Maße für 2 Kg Mehl
umgerechnet:
2 Kg Weizenmehl Type 550
200g Butter
200g Butterschmalz
250g Rindertalg
400g brauner Rohrzucker
100g geriebene bittere Mandeln
200g süße Mandeln - eine Hälfte gerieben, die andere gehackt
600g Sultaninen & Korinthen
150g Zitronat & Orangeat
abgeriebene Zitronenschale von 2 Zitronen.
200g frische Hefe
1 TL Macis (Muskatblüte)
1 TL Koriander
2 Teelöffel Salz
½ l Milch
Rindertalg ist heute nicht mehr
handelsüblich. Ein freundlicher Metzger kann ihn Dir aber beschaffen.
Wahrscheinlich musst Du den aber selbst auslassen (siehe
Fette
im Anhang). Zur Not geht auch Schweineschmalz.
Bittere Mandeln bekommst Du im Reformhaus oder in der Apotheke.
Am Abend zuvor
wurden in der gut geheizten Küche die Zutaten bereitgestellt. Auch die
Nacht über das Feuer im Herd aufrecht erhalten, damit alle Zutaten
gleichmäßig warm wurden.
Die gerieben Mandeln werden in ein wenig Milch eingeweicht. Rosinen und
Sultaninen mit etwas Rum „bewässert“, ebenso das Zitronat.
Am Backtag:
Zuerst wird das Hefestück gemacht, auch Vorteig genannt:
In ¼ Liter lauwarmer (nicht heißer!) Milch wird 1 TL Zucker und die
zerbröckelte Hefe aufgelöst.
Das Mehl wird auf den Tisch gesiebt und in die Mitte eine kleine Vertiefung
eingedrückt.
In die Vertiefung wird die Hefemilch gegossen und mit ein wenig Mehl zu einem
Brei verrührt. Das ganze muss jetzt, mit Mehl bestäubt und einem Tuch bedeckt,
für 30 Minuten ruhen. Diese Prozedur hat den Zweck, die Gärung und Vermehrung
der Hefe anzuregen und ihre Gärfähigkeit zu prüfen. Nach einer halben Stunde,
muss das Hefestück doppelt so groß sein.
Nun werden alle Zutaten nach-und-nach miteinander verknetet. Die Rosinen vorher
mit etwas Mehl bestäuben, so lassen sie sich leichter einarbeiten.
Der Teig sollte nun eine Stunde ununterbrochen geknetet werden. Auch wenn Du
denkst, er ist schon vorher gut - er ist es nicht.
Das Kneten ist nicht nur ein Mischvorgang!
Da werden Protein-Molekülketten entknäult, gestreckt. Auch die optimale
Aufschließung des Glutens und die Einlagerung von Luft- und
Kohlensäurebläschen in dieses „Kleber-Netzwerk“ ist erst nach dieser
langen Knet-Zeit erreicht!
Wenn Du jetzt probehalber den Teig kostest, wirst Du verstehen, warum wir Kinder
so dahinterher waren.
Forme jetzt den Teig zu einer Kugel, bestäube ihn mit Mehl und. bedecke alles
mit einem Tuch.
Der Teig muss jetzt vier Stunden gehen. In dieser Zeit vermehren sich die
Hefepilze im Teig optimal und es laufen eine Vielzahl komplexer Reaktionen
ab.
Enzyme der Hefe spalten Maltose zu Glukose und diese wird weiter aufgespalten zu
aromatischen Alkoholen und Kohlensäure. Die Kohlensäure bildet beim Backen,
die vielen kleine Bläschen, die den Teig locker machen.
Der Teig ist fertig, wenn er nach Fingerdruck elastisch zurückfedert
Nach der Gehzeit wird der Teig noch einmal kurz durchgeknetet und daraus 2 Laibe
geformt. Dann auf das gefettete Backblech gelegt und oben längs 1 cm tief mit
dem Messer eingeschnitten.
Nun müssen sie nochmals ½ Stunde zugedeckt gehen.
Inzwischen wir der Herd auf 170° vorgeheizt. Bei dieser Temperatur werden die
Stollen 1½ Stunden gebacken. Bräunen sie unterschiedlich, wird mit Alufolie
abgedeckt. Sie sollen goldbraun werden - nicht dunkelbraun.
Weihnachtsduft breitet sich aus.
Aus dem Ofen - werden sie sofort mit zerlassener Butter
eingepinselt und mit klarem Zucker bestreut. Diese Prozedur wiederholst Du
dreimal. In den Vertiefungen muss sich ein sattes Butter-Zuckergemisch
ansammeln. Das bildet dann die herrliche Kruste.
Zum Schluss, siebst Du Puderzucker auf.
Du wirst für dieses "Buttern" etwa 1 Stück Butter brauchen, spare
nicht damit. Das Buttern ist gleichzeitig Aroma, Aromaschutz und Schutz gegen
das Austrocknen.
Nun müssen die Stollen mindestens 4 Wochen, in Pergamentpapier verpackt und in
kühler Umgebung nachreifen.
Angeschnitten werden sie traditionsgemäß erst am Heiligen Abend.
Guter Stollen hält sich auch noch bis Ostern.
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